Enukleation Ja / Nein ???

Die OP und das Leben mit einer Augenprothese.
Patient81
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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Patient81 » Mo 11. Sep 2017, 20:55

Nabend Martin,

also ich bin wirklich sehr beeindruckt, wie du über deine innere Welt schilderst. Gleichzeitig bin ich sehr erbost darüber, wie dir so viele wichtige Menschen den "Rücken kehren" können und besonders dein Bruder dich so sehr meidet. Das ist echt ein Unding. Mensch, das will mir einfach nicht in den Kopf wandern...Gut, zum Teil bin ich ähnlichen Situationen begegnet, aber dann meistens, weil ich den Kontakt nicht mehr wollte. Aber bei dir ist es ja andersrum und das macht mich echt wütend.

Ja, "du musst dein Leben leben", sagte ich, dazu muss ich sagen, war es wirklich so gemeint. Sollte keine leere Phrase sein. Ich habe stark das Gefühl, dass eher diese von dir geschilderte Einsamkeit dir die Kraft nimmt und "lähmt" als dass du vor einer großen Frage der möglichen Enukleation stehst. Kleine Dinge können Wunder bewirken, in deinem Fall wäre es wohl, wenn einfach dein Bruder vorbei käme und dich einmal umarmen würde, um dir seinen Beistand anzubieten.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich nur zu gerne deinen Bruder kontaktieren, nur um zu sagen, welch ein großer Schritt es für dich wäre, wenn er einen kleinen Schritt auf dich machen würde.

Ich hoffe, es gibt diese telepathische Wirkung wirklich und dein Bruder bekommt mal die Eingebung, zu dir mehr Kontakt haben zu möchten. Ich wünsche es dir zumindest sehr!

Was den medizinischen Part angeht, hoffe ich, dass du gut beraten bist von deinen Ärzten....

Zusatz: Marcy gebe ich Recht. Nichts ist umsonst gewesen. Wenn man für etwas kämpft, ist nie etwas umsonst.


Schöne Grüße

Patient81



Ösi
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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Ösi » Mi 13. Sep 2017, 23:37

Hallo Marcy,
@alle: heute war ein annehmbarer Tag, zwar Schmerzen, für mich aber nicht mehr relevant :!: - ich ignoriere sie einfach.
Ha, das denke ich wohl... :cry: :?: Sie sind ja trotzdem da - - - und das spürt auch die Umwelt.

Marcy, auch dir möchte ich für deine Anteilnahme ganz herzlich danken,
aber ich kann dich beruhigen, es ist nur ein Teil von dem was ich durchgemacht habe bzw. noch machen werde (aber da könnte ich ein Buch füllen). Nur fehlen mir ehrlich gesagt, mein Empfinden, meine Gefühle, meinen Schmerz, meine Angst vor der Vergangenheit und auch der Zukunft verständnisvoll in Worte zu fassen. Leider ist, wie Eingangs erwähnt, damals nicht nur eine Welt, sondern mein ganzes Leben aus den Fugen geraten.
Vielleicht verstehe ich dich auch falsch, aber was ist daran positiv wenn ich einen Kampf verliere. Wenn ich mir mein Auge entfernen lasse, ist es endgültig vorbei. Aber ich versuche zu mindestens mich mit dem Gedanken anzufreunden, wie auch Olga verständnisvoll eingebracht hat, danach keine Schmerzen mehr zu haben. ABER: @ an alle: ist das wirklich so??????? Sind die Schmerzen dann vorbei????
NOCH sehe ich - (zwar schemenhaft als ob ich blas durch ein Milchglas sehe und tlw. mit Schmerzen) - aber danach ist es einfach finster :x und endgültig vorbei mit Hoffnung auf Besserung :cry:
tut mir leid, wenn ich mich vielleicht ein wenig "aggressiv" anhöre, aber es ist absolut nicht böse gemeint.

Patient: also von meiner Welt musst du nicht beeindruckt sein :P das ist sie bei weitem nicht ;) Ich verstehe deine Reaktion das das nicht in deinen Kopf will, ist aber leider so. Darum bin ich auch allein auf weiter Flur.
Ich denke du liegst mit deiner Vermutung gar nicht mal so weit daneben
Patient81 hat geschrieben:
Mo 11. Sep 2017, 20:55
Ich habe stark das Gefühl, dass eher diese von dir geschilderte Einsamkeit dir die Kraft nimmt und "lähmt" als dass du vor einer großen Frage der möglichen Enukleation stehst.
aber was soll ich dagegen tun??? du hast mit deiner Aussage (ich lehne mich mal aus dem Fenster) Recht, mein Leben ist aber seit Tag "X" nicht mehr das was es war. Ich kämpfe seit 86, dass ich ein normales Leben führe. Aber wie soll ich das machen wenn ich nicht "normal" bin (mit einem IQ von 121 bin ich allerdings nicht dumm), wenn sich jeder von mir wendet, wenn sich meine Kinder vor Aussagen der Mitschüler die mein Auge betreffen fürchten müssen, mich heute noch Erwachsene "schief" anschauen, wenn ich im Büro mit Sonnenbrille sitzen muss, weil mir schon düsteres Licht Schmerzen verleiht, ich nach wie vor abfällige Bemerkungen (von Erwachsenen die über mein Leid Bescheid wissen) über mich ergehen lassen muss, mein Privatleben dadurch den Bach runter geht, ich langsam aber sicher verfalle weil ich keine Kraft mehr habe, keine Kraft mehr um zu sehen wofür es sich lohnt zu kämpfen, keine Kraft mehr um zu "LEBEN", mein Leben einfach nicht mehr führen kann wie ich es möchte, aber dennoch Hoffnung habe...............

Sorry Leute.............................................................................................
es ist nicht nur EIN, oder DER Kampf...............................................................
es sind auf Grund meiner Verletzungen inzwischen mehrere Kämpfe zu bestehen die Maße von unbeschreiblicher Größe angenommen haben.

I hope you can understand me


Sieh nicht zurück - du kannst es nicht ändern, die Zukunft liegt vor dir - mach was draus

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Bits&Bytes
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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Bits&Bytes » Do 14. Sep 2017, 03:51

Ösi hat geschrieben:
Mi 13. Sep 2017, 23:37
Aber ich versuche zu mindestens mich mit dem Gedanken anzufreunden, wie auch Olga verständnisvoll eingebracht hat, danach keine Schmerzen mehr zu haben. ABER: @ an alle: ist das wirklich so??????? Sind die Schmerzen dann vorbei????
NOCH sehe ich - (zwar schemenhaft als ob ich blas durch ein Milchglas sehe und tlw. mit Schmerzen) - aber danach ist es einfach finster :x und endgültig vorbei mit Hoffnung auf Besserung :cry:

.....

..... mich heute noch Erwachsene "schief" anschauen, wenn ich im Büro mit Sonnenbrille sitzen muss, weil mir schon düsteres Licht Schmerzen verleiht

.....

I hope you can understand me
Lieber Martin,

zu den Schmerzen. Ja, das ist so, die Schmerzen sind nach der Enukleation weg, natürlich nicht direkt nach der OP, aber so nach ca. 7 bis 14 Tagen, in denen noch leicht ertragbare Nachschmerzen auftreten, die wären für Dich vermutlich ein Witz.
Das die Schmerzen danach für immer weg sind, kann Dir niemand garantieren, Du kannst ja hier auch lesen, dass es durchaus zu späteren Komplikationen kommen kann.

Die letzten Monate vor meiner Enu habe ich auch mit Sonnenbrille und/oder bei heruntergelassen Jalousien im Büro gesessen. Diese Blendempfindlichkeit hatte sich nach der Augenentfernung komplett erledigt.

Ich bin jetzt nicht der grosse Psychologe, könnte mir aber denken, dass Dein Bruder starke Schuldgefühle Dir gegenüber hat und diese bewirken manchmal ein sehr seltsames Verhalten.
Er denkt vielleicht, dass Du ihn hassen MUSST, denn er hat ja miterlebt, was Du aufgrund seiner Tat, Unfall hin oder her, erleiden musstest.
Wenn man denkt, dass man von jemandem gehasst wird, bzw. glaubt das derjenige ihm seine Tat niemals verzeihen könnte, wird man ihn bewusst oder unbewusst meiden. Insofern finde ich das Verhalten Deines Bruders gar nicht sooo merkwürdig.
Da kann nur die grosse Aussprache helfen, die so fürchte ich, Du in die Wege leiten musst.

Ja, wir verstehen Dich, vielleicht nicht vollständig und in allen Aspekten, aber das kann man auch nicht erwarten.

Viele Grüße

Udo


Man weiß nie wie stark man ist, solange bis stark zu sein die einzige Wahl ist, die man noch hat.

( Neovaskularisationsglaukom, linkes Auge Amaurose, Enukleation 03.02.2017, 1. Glasprothese 16.02.2017 )

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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Olga1991 » Do 14. Sep 2017, 07:44

Lieber Martin,

nach der ENU sind deine Schmerzen weg.
Natürlich hast du nach der OP noch paar Schmerzen aber die sind anders :D

Ich denke dein Auge sieht grad optisch auch nicht so gut aus oder?

Mit einer Prothese wird es toll aussehen!

Jeder muss sich daran erst gewöhnen :)


12/2016: Enukleation linkes Auge

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Patient81
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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Patient81 » Do 14. Sep 2017, 13:19

Lieber Martin,

ich denke, du solltest keine Angst vor Veränderungen haben. Betrachte es doch mal so- das Schicksal hat dich nicht vorgewarnt oder dich vor einer Entscheidung gestellt, als es deinem Auge Schaden zufügte. Und ich kann dir ruhigen Gewissens sagen, wir alle haben diesen Zustand zwischen Not und Elend erlebt.

Auf der einen Seite zweifelhafter Hoffnungsschimmer, denn medizinisch gibt es derzeit LEIDER keine Möglichkeit das restliche Auge in den alten oder besseren Zustand zu versetzen, und auf der anderen Seite die Erlösung von Schmerzen.

Soweit ich dir folgen kann, trifft dieses Dilemma auch auf dich zu, da die Ärzte dir eine Enukleation anraten. Der Unterschied zu uns ist, dass du diesen Kampf nahezu seit mehr als 10-20 Jahren bestreitest.
Deine mentale Ressource nagt vermutlich stets am Limit und vielleicht sogar schon längst aufgebraucht?

Meine Mutter sagte einmal zu mir, wir Menschen sind Gewohnheitstiere, aber zugleich wollen wir stets positive Veränderungen. Wie kannst du aber etwas positiv ändern, wenn du nicht bereit bist das Gewohnte aufzugeben? Das
ist natürlich mit Risiken verbunden, aber es gibt keine Garantien für dieses und jenes.

Last but not least- habe keine Angst vor einer Enukleation, falls dies dir wirklich die Schmerzen nehmen sollte. In dem Zusammenhang wird es dich sogar zum klaren Denken bringen. Denn permanente Schmerzen trüben unser Bewusstsein, da können wir noch so klug sein.

Und eine Augenprothese ist auch nur eine Gewöhnungssache. Wenn du sie einmal input hast, merkt es eh keiner. Man wird vielleicht fragend schauen, ob was nicht stimmt, aber auch nur wirklich sehr harmlos. Denn die meisten Menschen denken dann, da schielt jemand leicht oder das Auge bewegt sich nicht zu 100% mit. Aber nur wenige vermuten eine Augenprothese.


Schönen Gruss

Patient81



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annaklaus
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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von annaklaus » Sa 16. Sep 2017, 22:34

Lieber Martin,

wie viele Menschen spreche ich meistens nur über mich, insofern kann es einfach sein, dass wir uns in bestimmten Dingen ähneln, das heißt aber noch keinesfalls, dass wir uns kennen. Hingegen bekomme ich langsam das Gefühl mich einigermaßen zu kennen 😉

Du und die anderen sprecht verschiedene Themen an, das eine ist die Trauer um den Verlust einer noch lebenden Person. Ich glaube, das Gefühl kennen wir alle und wir gehen damit unterschiedlich um. Die eine mag wütend werden und die andere Person zum Teufel wünschen, der andere zieht sich zurück und trauert still und leise vor sich hin und wieder eine ganz andere Person geht in die berühmte Offensive, versucht den Kontakt zu halten und trotz erfolgter Verletzungen die eigenen Schmerzen zu adressieren. Und dazwischen und daneben gibt es sicher noch dreihunderttausend Mischvarianten oder ganz andere Möglichkeiten. Was ich mich allerdings bei der Beziehung zu deinem Bruder frage, ist, ob er denn tatsächlich jemals die Person gewesen ist, die du da betrauerst? Du schreibst, dass er sich meldet, wenn er Hilfe benötigt und ich kann mir auch vorstellen, dass ihr euch an hohen Feiertagen im Familienkreis trefft, vielleicht sogar außerhalb regulärer Veranstaltungen noch ein- oder zweimal im Jahr um gemeinsam einfach nur ein Bier zu trinken oder was-weiß-ich zu machen. Ich glaube, du wünschst dir einen Freund, den dein Bruder nicht sein kann oder vielleicht auch gar nicht sein will. Bei mir in der Familie ist es oft so, dass wir uns gegenseitig unterstützen, wenn es einer Person nicht gut geht. Das kann durchaus auch ein paar Monate währen, aber irgendwann kehren wir wieder in unsere eigenen Kleinfamilien zurück und verbleiben da bis zur nächsten Krise. Da deine Krise nun schon Jahrzehnte anhält, ist es für mich nachvollziehbar, dass auch deinem Bruder die Kraft irgendwann ausgeht und er sich seinen Problemen und Alltagsnöten zuwendet.
Eingangs hast du in der „Vorstellungsrunde“ sehr warm von deiner verständnisvollen Partnerin und euren liebenswerten Kindern gesprochen, ich glaube, sie sind es die dir in den letzten Jahren Kraft gegeben haben. Dein Halbsatz „… und das spürt auch die Umwelt“ ist vermutlich auf sie gemünzt. Ich muss zugeben, dass mich dieser Halbsatz schmerzt, wenn ich an euren Alltag denke und ich glaube, sie haben es verdient, dass du dich um dich kümmerst und ein Stück deiner Kraft in sie reinvestierst. Das ist vielleicht der Punkt, den ich mit meinem ersten Posting hier machen wollte: Wenn die Schmerzen und der Kampf vorbei sind, müsste sehr viel Kraft deinerseits frei werden, die du für andere Sorgen nutzen kannst. Sei es deine Kleinfamilie, Arbeit, Freizeit oder gar die Beziehung zu deinem Bruder oder anderen Freundschaften.

Das zweite Thema, dass du ansprichst, ist die Angst. Die Angst vor der Dunkelheit und die Angst vor anderen Personen und deren Reaktionen. Bei mir ist es so gewesen, dass das Licht quasi über Nacht ausgeknipst wurde. Ich wurde am späten Abend ins Krankenhaus mit einem verletzten Auge eingeliefert. Zu diesem Zeitpunkt leuchteten sie mir ins Auge und alles was ich sehen konnte, waren Farben die ineinander flossen. Vor allem Rottöne, aber auch alle anderen Farben des Regenbogens waren vertreten. Am kommenden Morgen wurde ich gleich als erstes vom ausgeschlafenen Professor operiert, der zu diesem Zeitpunkt allerdings nichts mehr für mein Augenlicht machen konnte. Als ich wieder aufwachte, war es also dunkel. Komischerweise bin ich mir dieser Dunkelheit nie bewusst. Selbst wenn ich das rechte Auge zuhalte, ist es nicht dunkel, sondern ich nehme ja durch das geschlossene Lid noch etwas wahr, so wie du, wenn du beide Augen schließt. Zu den Schmerzen kann ich dir nichts sagen, da ich weder nach dem „Unfall“, noch nach der Enukleation Schmerzen hatte. Ich kann dir aber fast garantieren, dass du mit deiner geschärften Aufmerksamkeit nach der Entfernung feststellen wirst, dass die Anderen tuscheln und dass sie deine Prothese irritiert ansehen. Zumindest mir geht es so und besonders schlimm sind natürlich Kinder, die noch nicht gelernt haben, ihre Wahrnehmung und ihre Äußerungen zugunsten der Gefühle anderer zurückzustellen. Es ist bei mir eine Weile her, dass mich die Freunde meines Sohnes schräg angeguckt haben oder dass mein Auge von ihnen thematisiert wurde. Auch sie, genauso wie das gesamte Umfeld gewöhnen sich daran, wie die Eltern ihrer Freunde aussehen und äußern sich dazu nicht. Warum auch? Niemand spricht jemanden auf seine Akne, die Narbe an der Augenbraue oder die Segelohren an. Wir müssen irgendwie lernen damit umzugehen, dass wir glauben, dass die Anderen uns schräger angucken, als sie andere Personen angucken würden, dass wir glauben, optisch besonders auffällig zu sein und die Anderen uns dafür abwerten. Oder vielleicht lernen wir auch irgendwann, dass dem gar nicht so ist.

Langes Gerede und dies ist nun auch mein zweiter Versuch, dir zu antworten, da beim ersten Mal das böse Internet die Nachricht nicht abschicken wollte und alles im Nirvana des Forums verschwunden ist – also ich habe gelernt: besser im Schreibprogramm vortippen und dann copy-paste…
Ich drücke dir die Daumen, dass deine Schmerzen bald der Vergangenheit angehören und du deine Kraft für andere Dinge einsetzen kannst. Und ich hoffe, dass du dich nicht zu sehr auf den Schlips durch meine Worte getreten fühlst – denn, wie gesagt, ich kenne dich nicht und ich weiß nicht, wie du mit der Ehrlichkeit anderer Personen umgehst.

Viel Liebe wünscht dir
anna 😊

P.S.: Danke für den Ohrwurm, den du mir eingepflanzt hast: „I am a creep, I am a weirdo…“ (Radiohead)…


... mehr als nur kein Auge ;)

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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Bits&Bytes » So 17. Sep 2017, 08:49

annaklaus hat geschrieben:
Sa 16. Sep 2017, 22:34
.... Ich kann dir aber fast garantieren, dass du mit deiner geschärften Aufmerksamkeit nach der Entfernung feststellen wirst, dass die Anderen tuscheln und dass sie deine Prothese irritiert ansehen. Zumindest mir geht es so und besonders schlimm sind natürlich Kinder, die noch nicht gelernt haben, ihre Wahrnehmung und ihre Äußerungen zugunsten der Gefühle anderer zurückzustellen. Es ist bei mir eine Weile her, dass mich die Freunde meines Sohnes schräg angeguckt haben oder dass mein Auge von ihnen thematisiert wurde. Auch sie, genauso wie das gesamte Umfeld gewöhnen sich daran, wie die Eltern ihrer Freunde aussehen und äußern sich dazu nicht. Warum auch? Niemand spricht jemanden auf seine Akne, die Narbe an der Augenbraue oder die Segelohren an. Wir müssen irgendwie lernen damit umzugehen, dass wir glauben, dass die Anderen uns schräger angucken, als sie andere Personen angucken würden, dass wir glauben, optisch besonders auffällig zu sein und die Anderen uns dafür abwerten. Oder vielleicht lernen wir auch irgendwann, dass dem gar nicht so ist.
Sorry, da bin ich anderer Ansicht. Ich denke nicht, dass ich unsensibel bin und / oder meiner Umwelt gegenüber sozusagen einen Wahrnehmungsblock gesetzt habe.
Ich kann weder über tuscheln, noch von komischen schrägen Blicken meiner Mitmenschen ( noch nicht einmal von Kindern ) berichten, nachdem ich statt eines Augenverbandes eine Prothese trage.
Ich trage das Kunstauge aber auch mit einem gesunden Selbstvertrauen und bin der Meinung, das allein dies ausreicht um fragenden und skeptischen Zeitgenossen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Nun habe ich aber auch das Glück, das ich selbst das Kunstauge kaum von meinem lebendigen Auge unterscheiden kann und bin mir bewusst, dass wenn ich auf Augenrollen, Hochschauen ohne den Kopf mitzunehmen, usw. verzichte, es jedem schwer fallen wird hier auf den dummen Gedanken zu kommen, es würde etwas mit dem linken Auge nicht stimmen. :)
Wäre der Sulcus jetzt auch nicht mehr vorhanden, würde ich soweit gehen zu sagen, da ist auch nichts Auffälliges zu sehen, allerdings wie gesagt nur solange man es nicht mit den Augenbewegungen übertreibt.

Wie Ninfa/Brisme es mal so schön ausdrückte: Solange man die Augen nicht über die Brillenfassung hinaus bewegt, sieht alles normal aus.

Bitte nicht falsch verstehen, ich kann durchaus nachvollziehen, das z. B. Du, Anna, oder auch unser Patient81, das anders sehen, bzw. andere Erfahrungen gemacht haben, resp. leider machen mussten, aber ich denke das kann man nicht als regelhaft festschreiben.

Wichtig wäre, nicht solange mit der Augenentfernung zu warten, bis sich schon die Augenhöhle verändert, dann wird's eventuell schwierig mit der An-/Einpassung von Implantat und Prothese.

Liebe Grüße und einen schönen Sonntag

Udo


Man weiß nie wie stark man ist, solange bis stark zu sein die einzige Wahl ist, die man noch hat.

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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Patient81 » So 17. Sep 2017, 12:51

Hi Udo,

du hast natürlich Recht, dass man Erfahrung X und Erfahrung Y nicht als "regelhaft" darstellen "kann". Aber das versucht auch keiner, ich zumindest nicht.

Darüber hinaus aber finde ich, hat anna eine aufrichtige Darstellung von ihren Eindrücken geschildert und ich erkenne da nichts, was irgendwas In Gefahr bringt zu verallgemeinern, Stichwort "regelhaft".

Da du Ninfa auch erwähnt hast im Zusammenhang einer Aussage- auch sie hat viele negative Erfahrungen machen müssen, auch mit Kindern, da sie nunmal oft schnurstracks sagen, was sie sehen. Aber sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, dass sie eher mit dem Schicksal spielen wird als andersrum, also eine Art Galgenhumor entwickelt.

Was ich damit eigentlich sagen möchte, ist, jeder geht damit anders um, jeder redet sich das anders ein, jeder adaptiert sich auch anders, damit das so wenig wie möglich auffällt und und und...Die Frage ist halt immer, in welchem Umfang möchte ich mich anpassen, um nicht aufzufallen oder ist mir das egal? Diese Frage ist zumindest bei jedem im Bewusstsein.

Ich z.B. habe am Anfang wegen der schlechten synchronen Bewegung gehadert, weil ich nunmal davor gerne mit meinen Augen kommuniziert habe. Alleine das abzustellen oder sich anders zu orientieren, ist für mich eine neue Welt gewesen.
Klar, wenn man sich eine Brille zulegt und auf Postierung etc. achtet, fällt es weniger auf. Aber das ist, um wieder zurück zum Besagten zu kommen, die Frage, möchte ich darauf achten oder nicht und entsprechend mit den jeweiligen Konsequenzen leben?

Ein radikaler Weg, was nicht wenige Menschen wählen, ist, dass man sich zurückzieht. Dann fällt man nicht auf, ist man nicht konfrontiert mit möglichen Reaktionen, die negativ stimmen könnten. Auf der anderen Seite ist die Offensive, dass man es verdrängt und weiterhin sein Leben lebt mit möglichen Reaktionen, die negativ sein können.

Aber Ziel sollte es allgemein sein, dass man ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt und da pflichte dir DEFINITIV bei!


Schönen Gruß

Patient81



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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Bits&Bytes » So 17. Sep 2017, 19:44

Hallo Patient81,

ist natürlich alles richtig, jeder macht seine eigenen Erfahrungen und wird je nach Persönlichkeitsstruktur damit umgehen (lernen) müssen.

Ich kann nur betonen, dass ICH bisher noch keine negativen Erfahrungen hinsichtlich Reaktionen meiner Mitmenschen machen musste, ob das für alle Zukunft so bleiben wird, sei mal dahingestellt. Ich bin da durchaus Realist.
Ist bei mir ja nun auch noch nicht sooo lange her, seit ich mich Träger eines Glasauges nennen darf :mrgreen:

Schliesse mich allerdings nicht im stillen Kämmerlein ein und kenne ansonsten nur meinen Arbeitsplatz ;). Und selbst der ist sehr belebt, befindet sich in einem siebenstöckigen Gebäude mit einem Haufen Menschen. Ich begegne Leuten im Fahrstuhl, in öffentlichen Verkehrsmitteln und natürlich auf dem Universitätsgelände....

Für mich ist monokulares Sehen ja seit mehr als 18 Jahren ein alter Hut, insofern empfinde ich durch die Prothese jetzt keine spezifische Behinderung, bis auf die Tatsache das die Beweglichkeit "meines" Auges jetzt nicht mehr die alte ist. Dem kann man entnehmen, das ich 'mein' neues Auge voll und ganz akzeptiert habe und das scheint auch auf meine Umwelt auszustrahlen.

In diesem Sinne,

Grüße an die Gemeinde

Udo


Man weiß nie wie stark man ist, solange bis stark zu sein die einzige Wahl ist, die man noch hat.

( Neovaskularisationsglaukom, linkes Auge Amaurose, Enukleation 03.02.2017, 1. Glasprothese 16.02.2017 )

Marcy
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Re: Enukleation Ja / Nein ???

Beitrag von Marcy » Mo 18. Sep 2017, 10:38

Hallo in die Runde,

ihr habt alle so lange Texte geschrieben, die alle viele wichtige und gute Dinge enthalten!
Eigentlich wollte ich schon vorher meine Gedanken dazu schreiben, wusste aber nicht wirklich wie.

Jetzt hat Udo was angesprochen, was ich als sehr bedeutsam im Zusammenhang mit dem "Prothesenleben" in der Öffentlichkeit/ im Kontakt mit anderen Menschen und der Selbstsicherheit (wie sehe ich mich mit Prothese?) erachte.

Ich glaube es ist ein Unterschied, ob man auf dem entfernen Auge vorher noch was gesehen hat, wie wenig auch immer das sein mag.
Wenn man schon lange auf dem einen Auge blind gewesen ist, ist eine Prothese nicht so eine krasse Veränderung. So ist es auch leichter, das anzunehmen.

Liebe Grüße
Marcy



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